Ruinen der römischen Thermen von Ocriculum mit mächtigen Ziegelmauern und einer Person in der Mitte, die die monumentalen Ausmaße der Anlage verdeutlicht.

Eine Woche als Indiana Jones

Umbrorum gens antiquissima Italiae. Die Umbrer sind das älteste Volk Italiens.

So bezeichnete Plinius der Ältere die Bewohner dieses Landes vor mehr als zweitausend Jahren. Eine uralte Region, geprägt von Umbrern, Etruskern und Römern, in der noch heute jeder Hügel eine Geschichte zu verbergen scheint.

Verlorene Städte, monumentale Nekropolen, verschüttete Villen und antike Theater treten aus der Landschaft hervor wie Spuren einer großen Erzählung, bevölkert von Priestern, Dichtern, Matronen und Kaisern. Manchmal kennen wir ihre Namen. Manchmal bleiben nur eine Inschrift, eine Legende oder die Ruinen eines verlassenen Bauwerks.

Diese Reiseroute führt in das älteste Umbrien und zu sieben archäologischen Stätten, von denen jede ihre eigene Geschichte erzählt. Ein Abenteuer zwischen Geschichte und Geheimnis – bei dem man sich ein wenig wie Indiana Jones fühlen kann, ohne das grüne Herz Italiens zu verlassen.

Veduta del Teatro romano di Gubbio con le gradinate della cavea e i resti della scena immersi nel verde
Tag 1 – Zweitausend Jahre alte Masken: Das römische Theater von Gubbio

Gubbio bewahrt eines der bedeutendsten Zeugnisse der umbrischen Kultur: die Eugubinischen Tafeln, sieben Bronzetafeln, deren Ritualformeln und religiöse Zeremonien einen einzigartigen Einblick in die Spiritualität der Menschen geben, die hier vor mehr als zweitausend Jahren lebten. Jenseits der mittelalterlichen Stadtmauern liegt das römische Iguvium. Sein im 1. Jahrhundert v. Chr. erbautes Theater zählt zu den größten des römischen Italiens. Mit Platz für rund 6.000 Zuschauer war es sogar größer als das Theater von Pompeji.

Wer die Sitzreihen hinaufsteigt, kann sich die gespannte Atmosphäre des Publikums und die Schauspieler vorstellen, die auf der Bühne griechische Helden in Tragödien oder schlagfertige Freigelassene in Komödien verkörperten – die Hollywoodstars ihrer Zeit vor zweitausend Jahren.

Die Reise durch das römische Umbrien setzt sich in der nahe gelegenen archäologischen Stätte Tadinum bei Gualdo Tadino fort. Die einst von der Via Flaminia durchquerte Stadt bewahrt noch heute die Überreste ihres Amphitheaters, ihrer Thermen und ihres Forums.

Innenraum des Hypogäums der Volumnier mit etruskischen Steinurnen, deren Deckel liegende Verstorbene darstellen.
Tag 2 – Der ewige Schlaf der etruskischen Fürsten: das Hypogäum der Volumnier

Wenn Gubbio das römische Gesicht Umbriens zeigt, kann man vor den Toren Perugias noch weiter in die Vergangenheit reisen. Die Stadt bewahrt bedeutende Zeugnisse ihrer etruskischen Ursprünge, darunter den Etruskischen Brunnen und den Rundgang durch das unterirdische Perugia. Um jedoch wirklich in die Welt dieses antiken Volkes einzutauchen, muss man unter die Erde hinabsteigen – fast so, als überschritte man die Schwelle zum Jenseits.

Eine lange Treppe führt zum Hypogäum der Volumnier, einem der außergewöhnlichsten etruskischen Gräber Italiens. Es wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. als ewige Ruhestätte der mächtigen Familie Velimna angelegt, deren Name später zu Volumni latinisiert wurde. Es ist nicht einfach ein Grab, sondern ein Haus. Die Etrusker betrachteten den Tod nicht als Ende, sondern als Beginn eines neuen Daseins. Deshalb gestalteten sie das Grab als Wohnhaus für die Ewigkeit.

In Stein gehauene Decken, die hölzerne Balken nachahmen, Türen, Räume und Verzierungen vermitteln noch heute den Eindruck eines vornehmen Wohnsitzes. In den Grabkammern befinden sich die Aschenurnen der Familie. Besonders hervorzuheben ist die Urne des Arnth Velimna Aules, des Familienoberhaupts und vermutlich des Bauherrn des Hypogäums. Auf dem Deckel seiner Urne liegend scheint er die Besucher noch immer zu jenem ewigen Gastmahl zu empfangen, das nach etruskischem Glauben im Jenseits fortdauerte.

Luftaufnahme des Viertels des römischen Amphitheaters von Assisi, dessen elliptischer Grundriss zwischen den Wohnhäusern noch deutlich erkennbar ist.
Tag 3 – Vergessene Verse und Götter der Arena: die Domus und das Amphitheater von Assisi

Unter den Straßen von Assisi verbirgt sich eine erstaunlich gut erhaltene römische Stadt. Der Minerva-Tempel, heute Teil der Kirche Santa Maria sopra Minerva, überragt noch immer das antike Forum, dessen Überreste unter der heutigen Piazza del Comune erhalten sind.

Das Alltagsleben der Bewohner des römischen Asisium wird vor allem durch die eleganten Domus lebendig. Dazu gehören das Haus des Larariums, benannt nach einem dort entdeckten Lararium, einem Hausheiligtum für die Schutzgötter der Familie, sowie das sogenannte Haus des Properz. Inschriften mit poetischen Versen haben die Vermutung entstehen lassen, dass der in Assisi geborene Dichter Sextus Propertius hier gelebt haben könnte. Man kann sich gut vorstellen, dass er in diesen Räumen jene Gedichte verfasste, in denen er seine unerfüllte Liebe zu Cynthia besang.

Ein weiteres Überbleibsel der römischen Stadt hat die Jahrhunderte nahezu unbemerkt überdauert. Zwischen der Piazza Matteotti und der Porta Perlici folgt der elliptische Grundriss des heutigen Viertels noch immer dem Verlauf des antiken Amphitheaters, das sich im Laufe der Jahrhunderte in einen außergewöhnlichen Wohnkomplex verwandelte. In der Nähe der Porta Perlici, deren mittelalterlicher Name Perlasio möglicherweise vom germanischen Bera-Laika„Ort der Bärenkämpfe“ – abgeleitet ist, befindet sich eine kleine Skulptur, die traditionell als Bär gedeutet wird. Zusammen könnten diese beiden Hinweise die Erinnerung an eine Arena bewahren, die den Untergang des Römischen Reiches überdauerte und möglicherweise in langobardischer Zeit für Tierkämpfe genutzt wurde.

Besucher betrachtet einen Mosaikboden im Römischen Haus von Spoleto, umgeben von antiken Steinmauern und Säulenbasen.
Tag 4 – Die geheimen Gemächer der Matrone: das Römische Haus von Spoleto

Bei einem Spaziergang durch die Altstadt von Spoleto lassen sich noch heute die Spuren des antiken römischen Spoletium entdecken. Das im 1. Jahrhundert v. Chr. errichtete Theater, das bis heute als Veranstaltungsort genutzt wird, lag einst neben dem Forum, dem Mittelpunkt des öffentlichen Lebens, unter der heutigen Piazza del Mercato. Unweit davon erhebt sich der Bogen des Drusus und Germanicus, der den leiblichen und dem adoptierten Sohn Kaiser Tiberius’ gewidmet ist, die beide früh starben. Zwei Thronfolger, die nie regierten und deren Schicksal beinahe das Ende der julisch-claudischen Dynastie vorwegnahm.

Doch wenn eine Dynastie endet, beginnt eine andere Geschichte. In Spoleto scheint dieser Übergang im sogenannten Römischen Haus Gestalt anzunehmen, einer eleganten Domus, die traditionell als Wohnsitz der Vespasia Polla, der Mutter Kaiser Vespasians, gilt. Man kann sich gut vorstellen, wie diese wohlhabende Matrone über die Mosaikböden schreitet, das große Atrium mit seinem Wasserbecken durchquert und einen der reich mit Fresken geschmückten Räume betritt. Die Überreste des Peristyls lassen noch heute das Bild von Vespasia Polla entstehen, wie sie durch ihren privaten Garten spaziert – vielleicht ohne zu ahnen, dass ihr Sohn im turbulenten Jahr 69 n. Chr. Kaiser von Rom werden und die flavische Dynastie begründen würde.

Gepflasterter Abschnitt der Via Flaminia zwischen den Ruinen von Carsulae, umgeben von den Resten römischer Bauwerke und Bäumen im Hintergrund.
Tag 5 – Die verlorene Stadt an der Via Flaminia: Carsulae

Es gibt archäologische Stätten, an denen man viel Fantasie braucht, um das wieder sichtbar zu machen, was die Zeit ausgelöscht hat. In Carsulae genügt es dagegen, einfach loszugehen. Noch heute verläuft die Via Flaminia durch die antike Stadt mit ihrem Forum, dem Theater, dem Amphitheater und dem Bogen des San Damiano.

Zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. aufgegeben und nie wieder aufgebaut, hat Carsulae den besonderen Reiz einer in der Zeit stehen gebliebenen Stadt bewahrt. Ihre Geschichte beginnt jedoch lange vor Rom, an einem Ort, an dem Geschichte und Legende miteinander verschmelzen. Über dem Ort Cesi erhebt sich der Monte Torre Maggiore mit den Überresten eines der bedeutendsten Heiligtümer des antiken Umbriens.

Hier spielt auch eine der faszinierendsten Legenden der Region: jene von der Grotta Eolia (Äolischen Grotte) und dem unterirdischen Reich von Crotona, das die Umbrer der Überlieferung nach vom alten Volk der Pelasger übernommen haben sollen. Der römische Geschichtsschreiber Livius berichtet, dass während der römischen Eroberung mehr als dreitausend Umbrer bei der Belagerung ums Leben kamen und lebendig in den Höhlen begraben wurden. Die Legende erzählt jedoch eine andere Geschichte: Einige seien durch einen geheimen Tunnel entkommen und hätten Carsulae gegründet. Nach einer alten Deutung könnte der Name „jene, die dem Tod entkamen“ bedeuten und so die Erinnerung an diese fernen Ursprünge bewahren.

Ufer des Tibers am antiken Hafen von Ocriculum mit dem Schild „Olei Portus“ und Ufervegetation, die sich im ruhigen Wasser spiegelt.
Tag 6 – Der vergessene Hafen des Römischen Reiches: Ocriculum

War Carsulae die Stadt der Via Flaminia, so war Ocriculum das Tor Umbriens zum Tiber. Hier traf der große Fluss auf die römische Konsularstraße und machte die Stadt zu einem der wichtigsten Handelsknotenpunkte des römischen Italiens – einem Ort, an dem Fluss- und Landverkehr aufeinandertrafen.

Vom Zentrum der römischen Stadt, das noch heute von der antiken Via Flaminia durchzogen wird, führt der Weg zum Antiquarium von Casale San Fulgenzio bis zum sogenannten Ölhafen (Olei Portus), der einstigen Anlegestelle am Tiber.

Wer hier einen Moment innehält, kann sich die Szenerie vor zweitausend Jahren lebhaft vorstellen: Boote legen an, beladen mit Olivenöl, Wein, Holz, Stein und kostbarer Keramik, darunter auch Erzeugnisse aus den großen Werkstätten des Tibertals, etwa aus Scoppieto. Waren wurden umgeschlagen, Händler verhandelten Preise und schlossen Geschäfte ab, während Fuhrwerke zur Via Flaminia aufbrachen und neue Ladungen auf die Boote gebracht wurden. Ocriculum war weit mehr als ein einfacher Hafen – es war ein Ort der Begegnung, an dem Menschen, Waren und Kulturen täglich aufeinandertrafen und die Erzeugnisse Umbriens ihren Weg in das weitverzweigte Handelsnetz des Römischen Reiches fanden.

Weg durch die Nekropole des Crocifisso del Tufo in Orvieto, gesäumt von etruskischen Tuffsteingräbern, mit der Tufffelswand der Stadt im Hintergrund.
Tag 7 – Der verlorene Tempel: das Fanum Voltumnae

Die letzte Etappe dieser Reise zu den faszinierendsten archäologischen Stätten Umbriens führt nach Orvieto, einer der mächtigsten Städte des antiken Etruriens, die auf ihrem markanten Tufffelsen erbaut wurde. Das größte Geheimnis der Stadt verbirgt sich jedoch am Fuß dieses Felsens.

Jahrhundertelang suchten Archäologen und Gelehrte nach dem Fanum Voltumnae, dem Bundesheiligtum, in dem sich die Vertreter der zwölf etruskischen Städte versammelten, um gemeinsame Kultfeiern abzuhalten, Bündnisse zu schließen und die wichtigsten Entscheidungen des etruskischen Bundes zu treffen. Lange Zeit war dieser Ort nur aus antiken Quellen bekannt und galt als verschollen. Heute wird er von den meisten Forschenden mit der archäologischen Stätte Campo della Fiera gleichgesetzt. Die noch immer andauernden Ausgrabungen bringen Tempel, Altäre, Straßen und Tausende von Fundstücken ans Licht und lassen einen der heiligsten Orte Etruriens Schritt für Schritt wieder entstehen.

Doch Orvieto birgt noch eine zweite Stadt – still, geordnet und zeitlos. Am Fuß des Felsens erstreckt sich die Nekropole des Crocifisso del Tufo, die zwischen dem 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. angelegt wurde. Die Gräber sind entlang streng rechtwinklig verlaufender Straßen angeordnet und bilden regelmäßige Blöcke wie in einem modernen Stadtviertel. Über jedem Eingang ist noch heute der Name der jeweiligen Familie in den Stein gemeißelt – Inschriften, die auch nach mehr als zweitausend Jahren die Namen derer zu flüstern scheinen, die in dieser Totenstadt ihre letzte Ruhe gefunden haben.

So endet diese Reise durch die großen Kulturen der Antike – an einem Ort mit wiederentdeckten Heiligtümern und einer Stadt der Toten, in der man die Geister besser ungestört ruhen lässt … oder sich zumindest nach Einbruch der Dunkelheit lieber nicht mehr verirrt.