Sammlung „Alberto Burri“ im Palazzo Albizzini
Der Palazzo Albizzini im historischen Zentrum von Città di Castello ist ein schlichter und eleganter Renaissancebau aus dem 15. Jahrhundert. In seinem Inneren beherbergt er jedoch eine der radikalsten, kraftvollsten und faszinierendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst des 20. Jahrhunderts.
Eine lange Kunstgeschichte
Der Palazzo Albizzini wurde im späten 15. Jahrhundert im schlichten und zurückhaltenden Stil der Florentiner Renaissance errichtet. Die Familie Albizzini, deren Mitglieder eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Stadt spielten, ist bereits seit dem 14. Jahrhundert belegt. Als Mäzene und Kunstliebhaber gaben sie Raffaels Vermählung Mariä für ihren Altar in der Kirche San Francesco in Auftrag. Das Werk befindet sich heute in der Pinacoteca di Brera in Mailand.
Alberto Burri selbst wählte den Palazzo Albizzini als bevorzugten Standort für seine permanente Sammlung. Das Gebäude wurde 1978 von der Cassa di Risparmio erworben, sorgfältig restauriert und anschließend der Stiftung „Alberto Burri“ zur Nutzung überlassen. So konnte das Museum 1981 seine Türen für die Öffentlichkeit öffnen.
Ein außergewöhnlicher architektonischer Kontrast
Das Erste, was im Palazzo Albizzini ins Auge fällt, ist der überraschende visuelle „Kurzschluss“. Wer die Tür dieses historischen Adelspalastes betritt, würde vielleicht traditionelle Fresken oder historische Möbel erwarten. Stattdessen setzt die von Alberto Burri selbst bis ins Detail konzipierte Präsentation auf einen starken Kontrast: Die klare, reduzierte Renaissancearchitektur bildet den idealen Rahmen für die kraftvolle, raue und ausgesprochen moderne Materialität des aus Città di Castello stammenden Künstlers. Die weiß verputzten Räume wirken beinahe sakral und lassen die Werke in einen unmittelbaren Dialog mit den historischen Raumvolumen treten.
Die Sammlung: eine Reise durch die Materie
Der Palazzo beherbergt rund 130 Werke des Künstlers (1915–1995), die zwischen 1948 und 1989 entstanden sind. Sie umfassen Malerei, Skulptur, Grafik und Bühnenbild und sind chronologisch auf zwanzig Räume verteilt. Die Ausstellung erstreckt sich über zwei Etagen und zeichnet Burris gesamte künstlerische Entwicklung nach – von den frühen Arbeiten bis zu den komplexeren abstrakten Werken, in denen das Material selbst, oft zerrissen und gezeichnet, zum eigenständigen Kunstwerk wird.
Entlang des Rundgangs lässt sich die Entwicklung seiner künstlerischen Forschung aus nächster Nähe verfolgen:
- Teere und Schimmelbilder: frühe Experimente der Nachkriegszeit, dunkel, vielschichtig und voller visueller Assoziationen.
- Säcke: die berühmten Arbeiten aus geflickten, zerrissenen und gespannten Jutesäcken, mit denen Burri internationale Bekanntheit erlangte.
- Hölzer und Eisen: vom Feuer gezeichnete Oberflächen und verschweißte Metallplatten, die von Zeit und Veränderung erzählen.
- Kunststoffe: dünne PVC-Schichten, die mit der Flamme geformt und verschmolzen wurden und ein faszinierendes Spiel aus Transparenz, Leerräumen und Falten erzeugen.
- Cretti: Oberflächen, die an von Trockenheit aufgerissene Erde erinnern und bei denen die Rissbildung zu einer streng kontrollierten geometrischen Struktur wird.
In den Ausstellungsräumen werden Sie feststellen, dass neben den Werken keine aufdringlichen erklärenden Texte angebracht sind. Dies war eine bewusste Entscheidung des Künstlers, um den Besucherinnen und Besuchern eine direkte, intime und unvermittelte Begegnung mit dem Material zu ermöglichen.
Das volle Erlebnis
Die Burri-Stiftung beschränkt sich nicht auf den Palazzo Albizzini. Um die monumentale Dimension des Werks des Künstlers vollständig zu erfassen, empfehlen wir auch einen Besuch des zweiten Standorts, der Ex Seccatoi del Tabacco. Die nur wenige Kilometer entfernten ehemaligen Industriehallen beherbergen Burris großformatige Werkzyklen und präsentieren sie in einer beinahe sakralen Atmosphäre.












