Exhibition hall of the Hemp Museum featuring an antique loom and warping frame with threads of various colors stretched across the pegs in the foreground

Museo della Canapa - Hanfmuseum

Im Herzen des Valnerina-Tals, in Sant’Anatolia di Narco, befindet sich das Hanfmuseum (Museo della Canapa), ein ethnografisches Museum und zugleich eine Außenstelle des Ekomuseums des Umbrischen Apennins, das 2008 eröffnet wurde.

Das Hanfmuseum entstand mit dem Ziel, eine Sammlung von Arbeitsgeräten aus der Region zu bewahren und aufzuwerten. Diese wurden seit den 1970er-Jahren zusammengetragen und über lange Zeit im Gemeindearchiv aufbewahrt. Tief in der lokalen Gemeinschaft verwurzelt, leistet das Museum einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des materiellen und immateriellen Kulturerbes, das mit dem Hanfanbau und der Kunst des Handwebens verbunden ist.

Neben der Bewahrung des historischen Erbes hat sich das Museum zu einem lebendigen Ort entwickelt, an dem das Wissen und die Traditionen der Vergangenheit zeitgemäß neu interpretiert und weiterentwickelt werden. So entsteht ein kontinuierlicher Dialog zwischen kulturellem Erbe und Innovation.

 

Die Geschichte des Hanfs im Valnerina-Tal

In Sant’Anatolia di Narco werden – ebenso wie in anderen Orten des Valnerina-Tals – die Talauen entlang des Flusses Nera noch heute Canapine(„Hanffelder“) genannt. Dieser Name bewahrt die Erinnerung an eine Tätigkeit, die bis in die 1950er-Jahre einen wesentlichen Bestandteil des Lebens vieler Familien darstellte: den Hanfanbau.

Obwohl Hanf auch in hügeligen oder bergigen Gebieten fern des Flusses angebaut werden konnte, eigneten sich die fruchtbaren Böden entlang der Nera besonders gut für diese Kulturpflanze. Nach der Ernte wurde der Hanf Wasserröste unterzogen, indem die Stängel mehrere Tage lang im Wasser eingeweicht wurden. Erst dadurch konnten sich die Fasern vom holzigen Kern – dem sogenannten Schäben – lösen, bevor sie gehechelt, versponnen und schließlich zu Seilen, Stoffen und zahlreichen Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens verarbeitet wurden.In Sant’Anatolia di Narco wurde Hanf zuletzt im Jahr 1948 ausgesät. Dennoch sind bis heute Spuren dieser jahrhundertealten Tradition im alltäglichen Sprachgebrauch erhalten geblieben. Noch immer hört man gelegentlich Einwohner sagen, sie gingen „Giù le Canapine!“ – „hinunter zu den Hanffeldern“ –, wenn sie sich auf den Weg zum Fluss machen. So lebt ein Stück lokaler Geschichte bis heute in der Sprache der Menschen fort.

Ein multisensorischer Rundgang

Der Museumsrundgang erstreckt sich über das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert sowie mehrere unmittelbar benachbarte Bereiche, darunter die Webwerkstätten. Der Besuch bietet ein fesselndes und immersives Erlebnis und nimmt die Besucher mit auf eine Reise durch Erinnerung, die Weitergabe traditionellen Wissens und zeitgenössische Kreativität.

 

Eine Reise in die Vergangenheit zwischen Werkzeugen und Textilien

Der erste Ausstellungsbereich ist dem Verarbeitungszyklus des Hanfs gewidmet. Anhand einer umfangreichen Sammlung originaler Arbeitsgeräte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts können Besucher alle Schritte der Faserverarbeitung nachvollziehen – vom Anbau der Pflanze bis zur Herstellung des Garns. Videoinstallationen mit den Erinnerungen ehemaliger Hanfbauern, Seilmacher und Weberinnen aus Sant’Anatolia di Narco machen den Rundgang besonders lebendig. Ihre Erzählungen bewahren das kollektive Gedächtnis der Gemeinde und lassen die Gesten, das handwerkliche Wissen und die Geschichten einer inzwischen verschwundenen Welt wieder aufleben.

Das Museum beherbergt außerdem eine bedeutende Textilsammlung, die überwiegend aus Objekten besteht, welche im Laufe der Jahre von den Einwohnern von Sant’Anatolia di Narco sowie von Besucherfamilien gestiftet wurden. Zu sehen sind Stoffe aus unterschiedlichen Naturfasern, die jeweils für bestimmte häusliche Zwecke bestimmt waren. Hanf und Baumwolle dienten zur Herstellung von Tuch für Bettwäsche, Handtücher und Küchentücher, die später Teil der Aussteuer einer Braut wurden. Leinen, weicher und feiner, war vor allem der Babyausstattung vorbehalten und wurde für Stoffwindeln, Wickelbänder und Säuglingswäsche verwendet.

Auch Wolltextilien nehmen einen wichtigen Platz in der Sammlung ein. Die Wolle stammte häufig aus der eigenen Schafhaltung der Familien und wurde auf Handwebstühlen zu robusten Winterdecken verarbeitet. Da dieses Material besonders wertvoll war, wurden abgenutzte Stoffe nicht weggeworfen, sondern zu praktischen, gestreiften Tüchern in verschiedenen Farben weiterverarbeitet, von denen viele als traditionelle Brottücher dienten.

 

Geschichten alter Webstühle und „Spinning Dolls“

Der obere Teil des Museums ist dem Handweben und den Geschichten gewidmet, die von den ausgestellten Arbeitsgeräten erzählt werden. Im stimmungsvollen Raum der Kettfäden (Stanza delle Trame) befindet sich eines der bedeutendsten Exponate der Sammlung: ein wertvoller Webstuhl mit Schärbaum aus dem späten 18. Jahrhundert, der einst einer Familie aus dem Ortsteil Caso gehörte.

Der Webstuhl wurde Ende der 1970er-Jahre in die kommunale Sammlung aufgenommen und ist der einzige noch erhaltene „lebende“ Webstuhl, der in Sant’Anatolia di Narco gefunden wurde. Er ist ein eindrucksvolles Zeugnis einer Zeit, in der das Weben ein fester Bestandteil des häuslichen Lebens war, und dokumentiert zugleich das allmähliche Verschwinden dieses Handwerks mit dem Aufkommen industriell gefertigter Stoffe und synthetischer Fasern.

Das Museum beschränkt sich jedoch nicht auf die Bewahrung historischer Werkzeuge. Es greift traditionelle Praktiken und Kenntnisse auf und interpretiert sie aus einer zeitgenössischen Perspektive neu. Den Abschluss des Rundgangs bildet eine Installation der britischen Künstlerin Liliane Lijn. Mit ihren Spinning Dolls – metaphorischen „sich drehenden Puppen“, die aus Schichten von Hanfgewebe und Häkelarbeiten bestehen, sich entfalten und beinahe lebendig wirken – lädt sie zu einer poetischen Reflexion über die Bedeutung des Webens und Spinnens ein.

Das Werk basiert auf der Doppeldeutigkeit des englischen Begriffs spinning, der sowohl „Drehbewegung“ als auch „Spinnen“ bedeutet. Aus diesem Zusammenspiel der Bedeutungen entsteht eine vielschichtige Metapher, die sich – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – um die Welt der Stoffe und Fäden dreht: von den uralten, traditionell mit der weiblichen Sphäre verbundenen Kenntnissen bis hin zu den mythischen und göttlichen Dimensionen, die von den Parzen, den Schicksalsspinnerinnen der Antike, verkörpert werden. Das Ergebnis ist ein zeitgenössisches Kunstwerk, das Erinnerung, Kunst und Gegenwart miteinander in Dialog treten lässt.

 

Die Webwerkstatt: lebendiges Erbe und Raum für Forschung

Neben den Ausstellungsräumen befindet sich die Webwerkstatt – ein Ort der Begegnung, des Experimentierens und des kreativen Schaffens, an dem das Weben nicht nur als Erbe der Vergangenheit bewahrt wird, sondern als lebendige und sich ständig weiterentwickelnde Handwerkspraxis fortbesteht.

Mehrere Handwebstühle ermöglichen es den Besucherinnen und Besuchern, traditionelle Webtechniken aus nächster Nähe kennenzulernen, die Funktionsweise der Gewebeherstellung zu verstehen und die Entstehung handgefertigter Stoffe mitzuerleben. Zugleich ist die Werkstatt ein Ort zahlreicher Kooperationen mit Künstlerinnen und Künstlern, Designerinnen und Designern, Universitäten sowie Forschungseinrichtungen, die durch innovative Experimente dazu beitragen, die textile Tradition lebendig zu halten.

Diese Räume veranschaulichen zudem eine der innovativsten heutigen Anwendungen des Hanfs: das ökologische Bauen. Die Werkstätten wurden nach den Grundsätzen der Bioarchitektur saniert und sind mit Hanf-Kalk-Putzen ausgestattet, die das nachhaltige Potenzial dieses natürlichen Baustoffs anschaulich demonstrieren. Für dieses Engagement wurde das Museum mit dem renommierten Qualitätssiegel Green Heart Quality ausgezeichnet. Damit wird seine Rolle nicht nur bei der Bewahrung traditionellen Wissens gewürdigt, sondern auch bei der Vermittlung der vielfältigen – insbesondere der innovativen und nachhaltigen – Einsatzmöglichkeiten von Hanf in der Gegenwart.

 

Ein Museum im stetigen Wandel

Das Hanfmuseum ist eine lebendige Institution, die kontinuierlich an neuen Projekten und Initiativen zur Erforschung und Vermittlung ihres kulturellen Erbes arbeitet.

Zu den bedeutendsten Neuerwerbungen zählt die Cardarelli-Sammlung, eine bedeutende Privatsammlung historischer Nähmaschinen, die dem Museum 2019 von den Erbinnen des Sammlers und Mäzens aus Spoleto, Consalvo Cardarelli, gestiftet wurde.

Die Sammlung umfasst zahlreiche Exponate aus der Zeit zwischen der Mitte des 19. und dem 20. Jahrhundert. Sie stellen wertvolle Zeugnisse der technologischen und handwerklichen Entwicklung des häuslichen Nähens dar und wurden erst kürzlich restauriert.

Um dieses bedeutende Vermächtnis dauerhaft zu bewahren und angemessen zu präsentieren, ist die Errichtung eines neuen Museumsflügels vorgesehen, in dem die Sammlung dauerhaft ausgestellt wird. Dadurch erhalten die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, jedes einzelne Objekt in seinen technischen, dekorativen und historischen Besonderheiten zu entdecken.

 

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Website des Hanfmuseums.

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